Mittwoch, 28. Juni 2017

HORRORWOCHE Tag 3: Grusel in Kurzform!



Je weiter ich die Treppe hinaufstieg, desto mehr schloss sich die Dunkelheit um mich herum. Am obersten Treppenabsatz angekommen, blickte ich zur Eingangstür. Die Sonne schien noch immer, aber ich glaubte, dass das Licht an Kraft verloren hatte. Wollte ich wirklich gegen abend noch hier sein? Wie lange war ich überhaupt schon in diesem Haus? Das verfallene Gemäuer, meine Gedanken und das leichte Gruselgefühl, sorgten dafür, dass ich langsam mein Zeitgefühl verlor.
Und auch wenn ich wusste, dass ich nun langsam den Heimweg antreten sollte, drehte ich mich zur ersten verschlossenen Tür auf dem Gang, der sich aus der Düsternis schälte und öffnete diese.
Zu erst erblickte ich nichts. Dann erkannte ich ein Fenster, dass fast vollkommen von Efeu zugewachsen war. Da es anscheinend zur Hinterseite des Hauses hinausging, schaffte es kein Sonnenstrahl herein.
Der Boden war staubig, an den Wänden vermutete ich Grafitit oder ähnliche Zeichnungen, ohne Licht war das schwer zu erkennen. Ich tastete mich mit ausgestreckten Händen vorwärts, lauschte immer wieder, aber um mich herum blieb es still.
An der rechten Wand ertastete ich ein metallenes Bettgestellt. Bettzeug oder Matraze fehlte. Daneben stand ein kleiner Nachttisch. Gerade als ich beschloss, dass nächste Zimmer aufzusuchen, fühlte ich Papier unter meinen Händen.
Auf dem Flur knackte es.
Schnell griff ich zu und hastete aus dem Raum raus. Nichts. Der Flur war leer. Ich blickte hinterunter in die Vorhalle, deren Boden sich von hier oben zu bewegen schien, aber auch dort war nichts.
"Komisch", murmelte ich, denn ich fragte mich abermals, ob ich die Türen der Räume unten geschlossen hatte oder nicht. Nun waren sie zu, so als hätte ich sie nicht betreten.
Hier auf dem Flur war etwas mehr Licht. Das Papier, das ich mit aus dem Raum genommen hatte, hielt ich mir so nah wwie möglich vor die Augen und entzifferte die krackligen Worte. Hatte das ein Kind geschrieben?

* * *



Oma Klara wippte gemütlich in ihrem Schaukelstuhl auf und ab, mit ihren Stricknadeln bearbeitete sie behände die Wolle.
Die Veranda, die ihr Mann Karl vor über fünfzig Jahren mit seinen eigenen Händen errichtet und auf dem sie schon Schuhe, Hemden und Söckchen für ihre eigenen Kinder gestrickt hatte, bot ihr ein kühles, schattiges Plätzchen.

Mittlerweile war Oma Klara alleine, und niemand mehr kümmerte sich um die Risse in den Stützbalken und um die Bodendielen des Vorbaus, der mit den Jahren morsch und faulig wurde. An vielen Stellen splitterte das Holz. Auch der vor Altersschwäche ächzende und knarzende Schaukelstuhl war eine echte Handarbeit ihres Karls, der Klara vor nunmehr neun Jahren verlassen hatte.
Wenn sie nur nicht so alt und zittrig, dafür jedoch ein wenig geschickter wäre. Aber Karl hatte sich doch immer um Haus und Garten gekümmert.
Einzig beim Stricken machten ihre Finger weiterhin das, was sie sollten.

Die dunkelgraue Decke, in die sich Klara gehüllt hatte, war Karls Lieblingsdecke gewesen. Sie glaubte, seinen Geruch an ihr wahrnehmen zu können, als hätte er sich auf ewig mit dem Gewebe verbunden und haftete an jeder einzelnen Faser. Der feine Staub, der bei jeder kleinsten Bewegung emporstob, tanzte im Wind. Doch das bemerkte Klara mit ihren schwachen Augen gar nicht mehr.

Ganz selten nur kamen ihre Kinder und Enkelkinder vorbei. Umso mehr freute sich die Alte darüber, als Klarissa, die jüngste der drei Sprösslinge ihres Sohnes, sie an diesem Vormittag unvermittelt besuchte.
Zum Mittagessen hatte Oma Klara Eierkuchen kredenzt, nachdem Sie zuvor bei Mensch Ärgere dich nicht absichtlich verloren hatte. Man sollte seltenen Gästen nicht unnötig vor den Kopf stoßen und sie wieder vertreiben …
Die ganze Zeit über konnte sich Klarissa jedoch nicht das kleinste Lächeln abringen. Sie wollte eindeutig nicht bei der runzeligen, senilen Alten sein, das spürte Klara. Oma Klara war nichts mehr wert, ihre Spiele langweilig und die Eierkuchen wahrscheinlich zu fad.
Warum war sie gekommen? Hatte ihr Sohn Angst um sein Erbe und sie sollte beschwichtigt werden?

Nun schlief Klarissa im Kinderzimmer, in welchem eine Kletterwand, eine Spielküche aus Holz und ein Puppenhaus mit auf Miniaturgröße geschrumpften Betten und Möbeln und Stühlen Platz fanden. Ein echtes Spielzimmer, das letzte Projekt, das Karl vor seinem Ableben realisiert hatte.
Für die geliebten Enkel. Die süßen kleinen Fratzen.
Von wegen! Undankbare Sippe!
Der Schaukelstuhl wippte immer stärker auf und ab und die zwei abgemagerten, knochigen Ärmchen arbeiteten schneller und schneller. Mit jahrzehntelanger Routine arbeitete Oma Klara an einem Schal für die kleine Klarissa … mit dem ich sie erdrosseln werde.
Es würde eine Überraschung werden, eine echte Überraschung.

Kinderlachen aus dem Garten. Wie ist das möglich?
Oma Klara kniff die Augen zusammen. Ein blondes Mädchen im roten Kleid tollte auf der Wiese herum und sammelte Gänseblümchen. Wie konnte sich Klarissa an ihr vorbeigeschlichen haben?
Sei’s drum, du Göre. Deine Zeit ist gekommen …
Der Griff um den Schal wurde fester, der Stoff spannte sich. Es war soweit.
Kurz bevor sie aufstehen wollte, vernahm die Alte eine allzu vertraute Stimme, unversehens hielt sie inne.
„Karl?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.
Im Garten spielte Klarissa mit einem Mann. Ihrem Mann. Er machte seine berühmten Seifenblasen, hergestellt aus einer speziellen Lauge, die extra große Blasen ermöglichte.
Ein Geräusch von hinten. Oma Klara drehte den Kopf. Blickte ungläubig.
„Aua. Mensch Oma, deinetwegen habe ich mir einen Splitter eingezogen. Weil hier alles so alt und morsch ist. Genau wie du.“ Oma Klaras Augen weiteten sich. Sie riss den Kopf wieder nach vorn. Das Mädchen war weg, Karl fand sie indessen wieder. Im Garten, jedoch eine Etage höher, baumelte er am Baum. Gurgelte. Starb. In dem Moment setzte der Herzschlag von Oma Klara aus.
„Oma Klara, was ist los mit dir?“ Nichts passierte. Klarissa begann zu weinen. Vögel zwitscherten. Ein kühler Wind zog auf und ließ die Blätter tanzten. Äste wippten, es rauschte. 



* * *

Nein! Das konnte kein Kind geschrieben haben! Wer kam auf solche Ideen? Langsam blickte ich von dem Zettel auf und bemerkte erst jetzt, wie still es wirklich um mich herum war. Keine Vögel, kein Wind. Obwohl sich ganz offensichtlich draußen die Bäume bewegten, schließlich sah ich ihren Schatten.
Mein Herz begann zu Rasen, ich glaubte Blicke auf mir zu spüren. Schnell drehte ich mich zum Rest des Flures herum, aber er war dunkel. Schwarz.
Gänsehaut breitete sich auf meinem Rücken aus, ich schluckte ein paar Mal, bevor ich ein krächzendes "Hallo?" hervorbrachte.
Natürlich antwortete niemand. Und doch hörte ich sie. Leise, fast sanft. Schritte. Atmen. Ein Röcheln?
Dort, in der Dunkelheit, stand jemand und wartete auf mich.

* * * 

HIER geht es zur FB-Veranstaltung. Außerdem gibt es wieder Rezensionen, Zitate und hoffentlich ein bisschen Grusel. ^^ 

Vielen lieben Dank an Constantin! Was als kleine Idee anfing, artete in eine ganze Woche aus. :-) 

Liebe Grüße
Tilly und das Wesen in der Dunkelheit ;-)








(Das Copyright von Text, Bildern und Illustrationen liegt bei den Verlagen, Autoren und/oder den Illustrationen, die im Impressum erwähnt werden. Das Copyright der Geschichte liegt bei Constantin Dupien.)

1 Kommentar:

  1. Noch ein paar mehr Details am Ende und es ist perfekt - eine schöne Idee!
    :3

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